Jahresbericht 2021

Jahresbericht des Präsidenten

Vereinszweck

Der Verein ‘Kirchliche Notherberge Thurgau’ betreibt an der Pestalozzistrasse 22, 8570 Weinfelden eine Notherberge für plötzlich von Obdachlosigkeit betroffene Menschen. Zu Verfügung stehen 5 Zimmer und 2 Notbetten. In der Herberge kann eine Nutzer*in längstens 90 Tage Aufnahme finden.

Die Notherberge ist rund um die Uhr offen und erreichbar, auch am Wochenende. Dies ist ein Alleinstellungsmerkmal der Herberge. Eine Rund-um-die Uhr Betreuung kann die Herberge nicht anbieten, jedoch bieten die Mitarbeiterinnen Support an, bei der Findung einer Nachfolgelösung.

Die Nutzer*innen zahlen eine Minimalmiete, welche je Nutzungsdauer festgelegt ist. Sollte eine Nutzer*in aus nachvollziehbaren Gründen nicht in der Lage sein, eine Miete zu bezahlen, trägt der Verein die Kosten aus seinen Einnahmen.

Der Verein hat gemäss Statuten einen gemeinnützigen Charakter und ist nicht gewinnorientiert. Gemäss Bescheid vom 29. September 2021 anerkennt das Steueramt des Kantons Thurgau den gemeinnützigen Status und gesteht dem Verein provisorisch Steuerbefreiung zu. Freiwillige Zuwendungen können folglich von den Steuern abgezogen werden. Das Steueramt stellt dem Verein nach Zustellung von Genehmigung von Jahresrechnung und Jahresbudget durch die Mitgliederversammlung die definitive Steuerbefreiung in Aussicht.

Vereinsgründung

Am 3. November 2020 fand in Weinfelden die Gründungsversammlung des Vereins ‘Kirchliche Notherberge Thurgau’ (KNT) statt. Die Gründungsversammlung verabschiedete die Vereins-Statuten und beauftragte den Vorstand mit der Geschäftsführung.

Die Organe des Vereins

Der Vorstand besteht gemäss Statuten aus 5 Mitgliedern. Er nahm seine Arbeit zunächst ad Interim auf. Im Mai 2021 liess sich der Vorstand in einer brieflichen Wahl von den Mitgliedern bestätigen. Folgende Personen wurden gewählt:

 

Diethelm Thomas, Präsident, Gymnasiallehrer, Waldparkstrasse 2B, 9220 Bischofszell;

Oettli René, Vizepräsident, Sozialdiakon, Sonnenstrasse 5, 8570 Weinfelden;

List Janine, Kassiererin, Sozialarbeiterin FH, Franziskusweg 3, 8570 Weinfelden;

Luongo Sarah, Aktuarin, Sozialarbeiterin, Wiesentalweg 6c; 8570 Weinfelden; [1]

Ruf Armin, Personalverantwortlicher, Gemeindeleiter, Freiestrasse 15A, 8570 Weinfelden;

 

In der gleichen brieflichen Wahl wurden mit Daniela Sandoz, Mitglied der Finanzkommission der Kath. Landeskirche TG, Wilen-Gottshaus und Karin Schaffer-Engeli, Treuhänderin, Kreuzlingen zwei Rechnungsrevisorinnen bestimmt.

 

Das Berichtjahr 2021

 

  1. a) Die Tätigkeit des Vorstandes

Der Vorstand traf sich zu insgesamt 10 Sitzungen, jeweils im Zentrum Franziskus in Weinfelden. Dazu traf sich der Vorstand im Juni zu einem ganztägigen Strategietag. Mindestens einmal im Monat fand ein Standortgespräch des Präsidenten und des Personalverantwortlichen mit der Hausleiterin statt.

 

  1. b) Massnahmen zur Mitgliederwerbung und Finanzbeschaffung

Die erste und wichtigste Aufgabe des Vorstands war es, die für den Betrieb der Herberge nötigen finanziellen Mittel zu beschaffen. Es wurde von einem Finanzbedarf von CHF 100'000 – 120'000 ausgegangen. Dieser sollte gemäss Statuten durch Mitgliederbeiträge, Spenden und Kollekten erbracht werden.

Um zu garantieren, dass der Verein seinen unmittelbaren finanziellen Verpflichtungen (Zahlung der Löhne für die beiden Mitarbeiterinnen, Zahlung der Miete, übrige Betriebskosten) nachkommen konnte, bis genügend Mitgliederbeiträge und Spenden eingegangen waren, ersuchte der Vorstand einige grösseren Kirchgemeinden um Darlehen. Es wurden dem Verein in der Folge mehrere zinslose Darlehen in der Höhe von CHF 35'000 zugesprochen. Der grössere Teil dieser Darlehen wurde später in Spenden umgewandelt und musste nicht zurückbezahlt werden.

Es zeigte sich im Verlaufe des ersten Halbjahres, dass die Annahmen zu den zu erwartenden Mitgliedschaften zu optimistisch waren. Mit CHF 38'900 blieb der Ertrag aus Mitgliedschaften rund 50 % oder CHF 41'000 unter Budget. Deshalb wurden zusätzlich diverse Stiftungen und Institutionen um Anschubfinanzieren ersucht.

Mit einem Gesamtsammelergebnis (Anschubfinanzierungen, Kirchliche Kollekten, Privatspenden, Beiträge der Landeskirchen) von rund CHF 160'000 dürfen die Finanzbeschaffungsbemühungen sicherlich als Erfolg bewertet werden.

Der Vorstand hat weitere Finanzbeschaffungsmassnahmen bereits eingeleitet. Im Herbst 2021 wurde Kontakt mit dem Sozialamt des Kanton Thurgau aufgenommen. Vertreter des Sozialamts haben sich vor Ort über die Tätigkeit des Vereins informieren lassen. Der Vorstand stellte einen informellen Antrag um Unterstützung, beispielsweise mittels einer Fallpauschale oder eines fixen, jährlichen Unterstützungsbeitrag. Eine Zusage steht noch aus. Ebenfalls hängig ist ein Gesuch an die Glückskette Schweiz um Unterstützung aus dem Obdachlosenfond.

Mit Genugtuung nimmt der Vorstand zur Kenntnis, dass das Anliegen des Vereins überall sofort verstanden wird und auf viel Sympathie und Goodwill stösst.

  1. c) personelle Massnahmen

Um den Betrieb der Herberge vor Ort zu gewährleisten wurden zwei Anstellungen getätigt. Es wurde eine Hausleiterin mit einem 50% Pensum und eine Hauswartin mit einem 40% Pensum angestellt. Als Hausleiterin wurde Frau Linda Roth angestellt, als Hauswartin Frau Trashe Markaj. Die beiden Angestellten haben in Absprache mit dem Vorstand eine Hausordnung erstellt, welche auch die Eintritts- und Austrittsmodalitäten der Nutzer*innen regelt. Die Kündigung der Hauswartin auf Ende Oktober 2021 nutzte der Vorstand für eine Reorganisation. Das Pensum der Hausleitung wurde auf 55 % aufgestockt. Eine Person (David Roth) wurde in einem 5 % Pensum für handwerkliche Handreichungen angestellt. Dazu wurde eine 30 % Stelle ‘Mitarbeit’ (Barbara Holzer) geschaffen. Die 5% und die 30% Stelle sind der Hausleitung unterstellt.  

  1. d) Vernetzung & Öffentlichkeitsarbeit

Der Verein ist bemüht, sich ein verlässliches Netzwerk zu schaffen, um so den Verein zu etablieren und um Vertrauen zu schaffen. So haben Gespräche mit der Polizei Weinfelden und dem Sozialamt Weinfelden stattgefunden und mit ihnen wurde ein Modus Vivendi festgelegt. Kontakte wurden auch zu karitativen Organisationen wie dem Blauen Kreuz, der Heilsarmee, der Caritas und anderen hergestellt. Die Kontakte zu den karitativen Organisationen kommen natürlich auch den Nutzer*innen zugute: Die Hausleitung stellt die Kontakte her, wenn dies gewünscht wird.

Es ist dem Verein ausserordentlich wichtig, dass sich die Tätigkeit des Vereins im Bereich von Recht und Ordnung bewegt. So ist in Zusammenarbeit mit der Polizei festgelegt worden, dass Personen, die sich länger als eine Woche in der Herberge aufhalten, standardmässig und in Übereinstimmung mit dem sog. Hausrecht der Polizei gemeldet werden. Dies wird den Nutzerinnen und Nutzern beim Eintritt mitgeteilt und ist in der Hausordnung vermerkt. Personen ohne Aufenthaltstitel und Asylsuchende dürfen maximal 2 Nächte in der Herberge verbringen.

Um die Bewerbung des Vereins zu erleichtern, wurde gleich zu Beginn des Jahres ein Vereinslogo geschaffen und eine Webseite eingerichtet. Verschiedene Zeitungsartikel zur Notherberge sind erschienen und haben die Notherberge im ganzen Kanton bekanntgemacht und viel Goodwill geschaffen.

  1. e) Budget 2021

Das erste Budget beruhte weitgehend auf Annahmen, da konkrete Daten noch fehlten. Das Budget ging von einem Gesamtaufwand von CHF 110'000 und Einnahmen in ebendiesem Ausmass aus. Das Budget 2021 wurde von den Mitgliedern in der brieflichen Abstimmung vom Mai 2021 einstimmig genehmigt.

 

  1. f) Mitgliedschaften

Der Verein ‘Kirchliche Notherberge Thurgau’ hat Stand 31. Dezember 2021 insgesamt 44 Mitglieder:

 

Kollektiv-Mitglieder

Natürliche Personen

Evangelische Kirchgemeinden*

Katholische Kirchgemeinden*

Politische Gemeinden

Andere

 

 

8

17

10

7

2

Total: 37

Total: 8

* inkl. jeweilige Landeskirche

Die Höhe der Mitgliederbeiträge legte die Gründungsversammlung vom 3. November 2020 wie folgt fest:

 

  • Kollektiv-Mitgliedschaften: CHF 1200
  • Private Mitgliedschaft: CHF 200

 

Rückmeldungen aus den Gemeinden veranlasste den Vorstand, den Betrag für Kollektiv-Mitgliedschaften anzupassen und damit auf die unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten der Gemeinden Rücksicht zu nehmen:

 

  • kleinere Gemeinden: CHF 600
  • grössere Gemeinden: CHF 1200

 

Insgesamt wurde durch Mitgliedschaften CHF 38'900 generiert. Dies entspricht rund einem Drittel des Finanzbedarfs. Der Vorstand geht davon aus, dass die Anzahl Kollektivmitgliedschaften nicht mehr wesentlich gesteigert werden kann. Der Vorstand will alles daran setzen, dass die Anzahl privater Mitgliedschaften erhöht werden kann und will im Verlaufe des Jahres 2022 entsprechende Massnahmen umsetzen.

Nebst den Mitgliedern hat die Notherberge Thurgau auch 6 Gönner*innen gewinnen können. Sie haben CHF 1'125 zum Jahresergebnis beigesteuert.

  1. g) Belegungsstatistik

Die Hausleitung erfasst die Belegung der Herberge statistisch nach folgenden Kriterien:  

 

  • Belegung und Belegungsdauer je Zimmer
  • Nutzungsdauer
  • Alter und Geschlecht der Nutzerinnen
  • Zuweiser

 

Die Statistik für das Jahr 2021 zeigt, dass die 5 Zimmer der Herberge permanent hoch ausgelastet waren, durchschnittlich zu 85 %.  Zuweilen war die Herberge voll besetzt und es mussten wiederholt Obdachsuchende abgewiesen werden. Im Mai wurde deshalb entschieden, für absolute Notfälle noch 2 Notbetten zu schaffen.

Nachfolgend die wichtigsten statistischen Daten für die Zeitspanne vom 1. Januar 2021 bis zum 31. Dezember 2021:

Belegung der 5 Zimmer:

JAN

FEB

MÄRZ

APRIL

MAI

JUNI

JULI

86%

98%

77%

67%

93%

99%

90%

 

AUG

SEPT

OKT

NOV

DEZ

82%

100%

92%

68%

67%

 

Durchschnittliche Belegung der 5 Zimmer: 85 %. Zusätzlich waren die Notbetten (ab Mai 21) im Schnitt zu rund 50% belegt.

Individuelle Nutzer*innen Jan 2021 – Dez 2021: 64, davon Geschlecht: M 54 (85%), F 10 (15%).

Alter der Nutzer*innen: 18 – 81 (dazu 3 Kinder [mit Mutter])

Nutzungsdauer:

80-90 Tage

50-79 Tage

20-49 Tage

10-19 Tage

5-9 Tage

1-4 Tage

17

5

6

6

3

27

27 %

8 %

9 %

9 %

5%

42 %

 

Zuweiser:

Selbst

Kirche

Sozialamt / Berufsbei-standschaften

Psych. Dienste TG /Spitex

Hilfsor-ganisationen

Polizei

Total

22

13

21

4

2

2

64

35 %

20 %

33 %

6 %

3 %

3 %

100%

 

Zuweisungsorte (nebst ‘Selbst’)

 

  • Romanshorn xxxxx
  • Weinfelden xxxxx
  • Oberthurgau xx
  • Sirnach
  • Buchs
  • Hauptwil xx
  • Horn xxx
  • Ermatingen xxx
  • Diessenhofen
  • Bischofszell
  • Müllheim-Wigoltingen
  • Bichelsee Balterwil
  • Frauenfeld
  • Kradolf-Schönenberg
  • Braunau
  • Sommeri – Sulgen xx
  • Münsterlingen x
  • regionale & kantonsweite Organisationen xxxxxxxxxxx
  • Hüttingen-Pfyn

 

 

  1. h) Evaluation der Belegungsstatistik
  2. Die durchwegs hohe Auslastung der Herberge macht deutlich, dass die Kirchliche Notherberge einem echten Bedürfnis entspricht.
  3. Die Notherberge hat bereits nach dem ersten Betriebsjahr einen hohen Bekanntheitsgrad und geniesst Anerkennung für ihre Tätigkeit. Zuweisungen erfolgen aus dem ganzen Kantonsgebiet.
  4. Die Herberge nennt sich zurecht Not Dies legen der hohe Anteil an Selbst Zuweisungen (35 %) nahe, aber auch die Tatsache, dass die Kurzaufenthalte den höchsten Nutzungsanteil ausmachen (42%).
  5. Die Herberge trägt zurecht den Label Kirchlich. Wohl rund 80 % der generierten Gelder stammen aus kirchlichen Quellen und mindestens ein Fünftel der Zuweisungen erfolgen aus kirchlichen Kreisen.
  6. Die Herberge wird von Personen aller Altersgruppen 18 + genutzt, überwiegend jedoch von Personen männlichen Geschlechts (85 %).
  7. Die Hälfte der Zuweisungen geschehen durch die öffentliche Hand (Sozialämter und Berufsbeistandschaften von politischen Gemeinden, Psychiatrischer Dienst des Kantons TG, Hilfsorganisationen, Polizei). Dies zeigt eindrücklich, dass das Angebot der Notherberge eine wichtige und notwendige Ergänzung ist zu den Leistungen, welche die Öffentliche Hand in Erfüllung ihres gesetzlichen Auftrags erbringt.

 

Fazit nach dem ersten Betriebsjahr

Das erste Betriebsjahr darf als Erfolg bezeichnet werden. Die Belegung der Herberge ist durchgehend hoch. Die Strukturen für den Betrieb sind geschaffen und haben sich bewährt. Der Betrieb hat sich eingespielt. Es konnten so viele Gelder generiert werden, dass der Betrieb und insbesondere die Bezahlung der Löhne und der Sozialabgaben für das Jahr 2022 sichergestellt sind. Die Notherberge hat sehr viel Goodwill und Anerkennung erfahren und ist kantonsweit bekannt.

Nichtsdestotrotz: Die Finanzierung der Notherberge bleibt eine Herausforderung. Der Vorstand rechnet nicht damit, dass weitere Anschubfinanzierungen fliessen werden. Um die Existenz der Herberge auch mittel- und langfristig zu sichern, muss die Abhängigkeit von Spenden verringert werden. Dafür muss die Höhe regelmässig fliessender Gelder aus Mitgliedschaften und Leistungsvereinbarungen erhöht werden. Das ständige Bemühen um Spendengelder wird bleiben.

 

Dank

Der Vorstand des Vereins möchte allen Institutionen und Einzelpersonen, welche den Verein ideell und finanziell unterstützen, ein herzliches Dankeschön aussprechen, vorab den Mitgliedern Vereins, den beiden Landeskirchen, den Kirchgemeinden und den Gönnern.

Ein besonderer Dank gebührt Hausleiterin Linda Roth und ihren Mitarbeiter*innen für die kompetente und innovative Art der Führung der Herberge und für die Menschlichkeit in der Betreuung der Nutzer*innen.

Einen persönlichen Dank möchte ich dem Vorstand aussprechen. Sie haben mich in meiner Arbeit unterstützt und ergänzt. Zusammen sind wir ein gut harmonierendes Team.

 

Thomas Diethelm, Präsident

 

 

 

 

 

Bischofszell, 17. Februar 2022 / Di

 

[1] Sarah Luongo ersetzte ab Mitte Jahr das Gründungsmitglied Andreas Pfiffner, Romanshorn.

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